New Work am Fließband – geht das? | Teil 1 – mit Guido Zander (SSZ)

Was bedeutet New Work und wie kann auch das produzierende Gewerbe einbezogen werden? Im Interview geht Guido Zander auf diese Fragen ein und verdeutlicht, wie sich Firmen zukünftig umstellen müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
  • Autor: Sianca Gentner
  • Letzte Aktualisierung: September 7, 2022
  • 5 Minuten
New Work am Fließband – geht das? | Teil 1 – mit Guido Zander (SSZ)

New Work am Fließband – geht das?

In der aktuellen Episode der Expert Series beleuchtet Experte Guido Zander das Thema „New Work im Blue Collar Bereich“ im Interview mit Tim Lippmann. Was bedeutet New Work und wie kann auch das produzierende Gewerbe einbezogen werden? Im Interview geht Guido Zander auf diese Fragen ein und verdeutlicht, wie sich Firmen zukünftig umstellen müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Warum ist New Work im Blue Collar Bereich erforderlich?

Mit Guido Zander hat die Expert Series in dieser Ausgabe einen besonders versierten Gast auf dem Gebiet Arbeitszeit- und Personaleinsatzplanung. Guido ist geschäftsführender Partner bei der SSZ Beratungsgesellschaft. Seit mehr als 25 Jahren berät er Firmen aus der Produktion, der Logistik, dem Handel und dem Gesundheitswesen als Kompetenzpartner in Bezug auf Workforce Management und New Work. Zu seinen Kunden gehören unter anderem die Berliner Stadtreinigung, Lufthansa und Deutsche Bahn. Anfangs war Guido als Software-Berater tätig. Er stellte jedoch schnell fest, dass Firmen zunächst eine grundlegende Beratung zur Personaleinsatzplanung benötigen, bevor die passende Software zur Unterstützung ausgewählt werden kann.

Was ist New Work?

Bei der New Work Bewegung geht es darum, die Arbeitswelt neu zu denken. Der Sozialphilosoph Prof. Frithjof Bergmann entwickelte in den Siebzigerjahren ein Konzept, mit dem er die Lohnarbeit in Frage stellte. Beschäftigte sollten nicht mehr als Mittel zum Zweck verstanden werden, sondern die Chance erhalten, sich in ihrer Tätigkeit selbst zu verwirklichen und ihren Überzeugungen nachzugehen. Es gilt, Beruf und Privatleben miteinander in Einklang zu bringen. Mit zahlreichen innovativen Führungsansätzen, Arbeitsformen und Flexibilisierung versucht die New Work Welt, Bergmanns Konzept mit einem grundlegenden Wandel in der Arbeitswelt zu verknüpfen.

Die Grundprinzipien des New Work Konzepts sind:

  • Selbstständigkeit
  • Freiheit
  • Teilhabe an der Gemeinschaft

Das Konzept der neuen Arbeit trifft auf den Zahn der Zeit. Im Zuge der Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und Industrie 4.0 ist ein umfassender Strukturwandel in der Wirtschaft erforderlich. Mittlerweile gelten Homeoffice, Obstkörbe und Kickertisch als Inbegriffe von New Work. Tatsächlich aber kommt es in der modernen Arbeitswelt nicht auf diese Aspekte an. Wenn Arbeitnehmer verpflichtet werden, von 9 bis 17 Uhr im Homeoffice, statt im Büro erreichbar zu sein, dann hat sich der Anwesenheitswahn in einen Verfügbarkeitswahn umgewandelt.  Mit New Work hat das wenig zu tun. Vielmehr geht es um die flexible Verbindung von Arbeits- und Privatphasen und um mehr Selbstbestimmung und Handlungsfreiheit für die Beschäftigten.

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New Work für Blue Collar Workers

Auf dem ersten Blick scheinen sich die Prinzipien der New Work Philosophie vorranging auf Angestellte aus den White Collar Bereichen zu richten. Die Mitarbeitenden können ihre Büroarbeit am Computer im Homeoffice erledigen. Aspekte wie Handlungsfreiheit und Selbstbestimmung lassen sich dagegen kaum mit dem Arbeitsalltag von Blue Collar Workern im Dreischichtsystem vereinen, oder?

Guido sieht das anders und berichtet von einer rapiden Zunahme an Kunden aus dem produzierenden Gewerbe. Viele Betriebe stellen fest, dass ihre Schichtplanung nicht mehr mit dem heutigen Verständnis einer ausgewogenen Work Life Balance entspricht. Dabei lassen sich mit den richtigen Ansätzen gerade in produzierenden Betrieben deutliche Fortschritte in der Produktivität und Selbstbestimmung der Beschäftigten erzielen.

Herausforderungen bei traditionellen Schichtplänen

Ein fester Schichtplan suggeriert immer einen gleichbleibenden Bedarf. Schwankungen in der Nachfrage werden auf dem Rücken der Mitarbeitenden ausgetragen. Am klassischen Dreischichtsystem hat sich seit mehr als 50 Jahren nichts geändert. Kontinuierlich durchlaufen gleich große Gruppen an Mitarbeitenden mit 40 Wochenstunden die drei Schichten – Früh, Spät, Nacht. Es gibt keinen Spielraum.

Der Schichtplan gibt den Bedarf vor, nicht der Bedarf die Arbeit. […] Ich brauche erstmal Lücken im Plan, um Flexibilität zu schaffen.

Guido Zandergeschäftsführender Partner SSZ-Beratung

Häufig stellt sich bei detaillierter Betrachtung heraus, dass die unterschiedlichen Schichten abweichende Bedarfe haben. Genau hier lässt sich ansetzen. Mit neuen Konzepten wie der Gruppenkombination können die Mitarbeitenden flexibel eingesetzt werden.

Darüber hinaus lohnt es sich, die Wochenarbeitszeit zu hinterfragen. Was auf dem ersten Blick kontraproduktiv klingt, macht bei genauerer Überlegung durchaus Sinn. Je geringer die wöchentliche Arbeitszeit ist, desto mehr Freiraum entsteht bei der Schichtplanung. Bei einem durchgehenden Schichtplan mit einer 40-Stunden-Woche haben die Arbeitnehmer keine Möglichkeit, eventuell anfallende Minusstunden auszugleichen. Dementsprechend wird niemand zu Hause bleiben, wenn es weniger zu produzieren gibt. So entstehen unnötige Leerzeiten, in denen die Beschäftigten zwar anwesend sind, aber nichts zu tun haben. Diese starren Systeme führen zu einer hohen Belastung der Arbeitnehmer und in der Folge zu einer hohen Krankheitsquote.

Chancen durch neue Betrachtungsweisen

Guido stellt bei acht von zehn Kunden fest, dass sie über das ganze Jahr betrachtet mit weniger als den üblichen 21 Schichten auskommen würden. Somit würden sich weniger Arbeitsstunden nicht auf die Produktionsleistung an sich auswirken, sondern lediglich die Leerzeiten und die Belastung der Arbeitnehmer verringern. Die Beschäftigten hätten mehr freie Wochenenden, die Freiheit, Schichten zu tauschen und in Teilzeit zu arbeiten.

Im besten Fall würde der Betrieb im Durchschnitt auf eine Drei- bis Viertagewoche ausgerichtet. Auf diese Weise können die Arbeitnehmer in den Sommermonaten in Urlaub gehen, während die tägliche Arbeitszeit in den Produktionsspitzen erhöht werden kann. Für Guido bedeutet New Work im Kern, dass die Mitarbeiter mehrere Möglichkeiten haben, zwischen denen sie wählen können – den sogenannten Flexibilitätsmodellen.

Die Grundversorgung wird durch einen Schichtplan abgedeckt, der idealerweise auf weniger als 40 Stunden pro Woche basiert. Mitarbeiter, die Planbarkeit bevorzugen, können hier eingesetzt werden. Darüber hinaus werden die übrigen Bedarfe mit flexiblen Arbeitszeitmodellen abgedeckt. Die Beschäftigten können je nach Lebensphase selbst entscheiden, wie variabel sie ihre Arbeitszeiten gestalten wollen und bei Bedarf mehr Freiraum oder Entlastung einplanen.

Zusammenfassung

Es findet ein Umdenken in der Gestaltung der Arbeitswelt statt. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Einführung von Homeoffice White Collar Worker, sondern vielmehr um ein ganzheitliches Konzept, dass Mitarbeitenden mehr Freiraum und Selbstbestimmung ermöglicht. Dieser Ansatz wird als New Work bezeichnet.

Die Prinzipien von New Work lassen sich auch in den Blue Collar Gewerken anwenden. Sobald man sich von den starren Schichtsystemen der produzierenden Industrie löst, wird klar, dass neue Arbeitsmodelle gefragt sind. Mit der individuellen Gestaltung des Personaleinsatzes in Form von Flexibilitätsmodellen und Arbeitszeitverkürzungen lassen sich nicht nur unnötige Leerzeiten reduzieren, sondern auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie der Beschäftigten erhöhen. Dadurch gewinnen die Arbeitgeber an Attraktivität.

 

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Verfasst von Sianca Maria Gentner

Mit dem Fokus auf Experteninterviews und News aus der HR-Welt liefert Sianca interessante Einblicke in die Kooperationsarbeit von Papershift.