New Work am Fließband – geht das? | Teil 3 – mit Guido Zander

New Work verändert das produzierende Gewerbe. Experte Guido Zander gibt einen Zukunftsausblick und schildert weshalb gerade jetzt die beste Zeit ist, die Prozesse an die aktuellen Gegebenheiten und Wünsche der Mitarbeiter anzupassen.
  • Autor: Sianca Gentner
  • Letzte Aktualisierung: September 9, 2022
  • 6 Minuten
New Work am Fließband – geht das? | Teil 3 – mit Guido Zander

New Work verändert das produzierende Gewerbe

Im Interview zum Thema New Work im Blue Collar Sektor erörtern der Experte Guido Zander und Tim Lippmann abschließend, warum Firmen nicht umhin kommen werden, ihre Schichtmodelle in Zukunft attraktiver zu gestalten.

In den ersten beiden Teilen des Interviews hat Guido die Bedeutung der flexiblen Arbeitszeitgestaltung für die New Work Bewegung erläutert. Nun geht es um die Frage, was die Arbeitgeber noch von der Umstrukturierung abhält und wie sich insbesondere die Blue Collar Workers im Hinblick auf die New Work Bewegung zukünftig entwickeln werden. New Work verändert das produzierende Gewerbe, wie genau zeigt Experte Guido Zander im Folgenden.

Wieso wird New Work in vielen Betrieben noch nicht angewandt?

Flexible Arbeitszeitmodelle im Sinne der New Work Bewegung bringen Vorteile für Betriebe und Beschäftigte. Leerstunden werden eingespart, die Beschäftigten erhalten mehr Freiraum. Es verwundert, dass gerade im industriellen Sektor, in dem die Produktivität an erster Stelle steht, dieser Weg bisher noch so wenig genutzt wird.

Guido bestätigt, dass in Produktionsbetrieben, die komplett auf den vollkontinuierlichen Schichtbetrieb ausgerichtet sind, die Anwendungmöglichkeiten für flexible Arbeitsmodelle begrenzt sind. Die großen, produzierenden Betriebe orientieren bereits beim Bau der Produktionshalle alle Prozesse an den bestmöglichen Materialfluss. Dabei werden die Bedürfnisse der Beschäftigten vernachlässigt. Unter diesen Umständen ist es schwieriger, Arbeitsabläufe im Nachhinein zu ändern. Guido appelliert deshalb an diese Firmen, schon beim Bau neuer Produktionshallen zu überlegen, wie sie ihre Personalkapazitäten am besten organisieren und wie möglichst viele Arbeitsplätze aus der Taktung herausgenommen werden können.

Einer von Guidos Kunden aus dem Maschinenbau stand kürzlich vor der Entscheidung, wie er bei der Erweiterung um eine neue Produktionshalle vorgehen sollte. Er entschied sich bewusst gegen einen vollkontinuierlichen Schichtbetrieb. Stattdessen baute man größere Hallen und achtete darauf, den Mitarbeitereinsatz zu optimieren. So konnten sie Gleitzeit in der Produktion anbieten und Gruppenarbeit einführen, bei der die Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten selbst bestimmen. Die einzige Bedingung ist, dass sie ein vorgegebenes Wochenziel erreichen.

Warum sich der Umstieg auf den Dreischichtbetrieb meist nicht lohnt

Viele Industrieunternehmen, die über eine Expansion nachdenken, spielen mit dem Gedanken, zur Steigerung der Produktivität auf einen vollkontinuierlichen Schichtbetrieb umzustellen. Guido erklärt, warum diese Vorstellung ein Trugschluss sein könnte und wie man es besser macht.

Die Umstellung eines Betriebs, der von Montag bis Freitag arbeitet, auf Dreischichtsystem, das auch samstags und sonntags arbeitet, scheint mit einer Kapazitätssteigerung von 20 % verbunden zu sein. Jedoch sollte man nicht unterschätzen, wie groß der Personalbedarf für eine solche Umstellung tatsächlich ist.

Neben dem Grundbedarf an Personal entstehen Reservebedarfe für Urlaubsvertretungen und abwesendes Personal. In den meisten Fällen steigt der Krankenstand in Betrieben mit permanentem Schichtbetrieb spürbar an. So kommt es häufig vor, dass bei der Umstellung eines Betriebes auf vollkontinuierlichen Schichtbetrieb mehr zusätzliches Personal benötigt wird als die 20 % der Kapazitätserweiterung. Nicht zu vergessen sind die Zuschläge für Wochenendschichten und Nachtarbeit.

Hinzu kommt, dass ein großer Teil der Belegschaft bei derartiger Umstellung den Betrieb verlassen wird. Ein Wechsel weg von der Montag-Freitag-Beschäftigung hin zur Schichtarbeit auch am Wochenende wird von vielen Arbeitnehmern nicht akzeptiert. In Zeiten des Fachkräftemangels sollten Unternehmen, die ohnehin Schwierigkeiten haben, qualifiziertes Personal zu finden, daher genau überlegen, ob ein Dreischichtsystem tatsächlich den gewünschten Mehrwert bringt. Vor allem, wenn man bedenkt, dass diese Art des Personaleinsatzes oft zu Leerzeiten führt und die Mitarbeiter zusätzlich belastet, wie Guido im ersten Teil des Interviews erläutert. Guido ist der Meinung, dass eine Vollkostenbetrachtung zeigen würde, dass den 20 % Umsatzsteigerung 30-35 % Mehrkosten gegenüberstehen. Dieser Schritt lohnt sich für die meisten Betriebe nicht. Stattdessen könnten die Unternehmen über den Bau zusätzlicher Werkshallen und Maschinenarbeitsplätze nachdenken, um die Kapazität zu erhöhen und gleichzeitig eine flexible Personaleinsatzplanung zu ermöglichen. Auf diese Weise können der Krankenstand und die Personalfluktuation niedrig gehalten werden. In Verbindung mit einem Lebensarbeitszeitkonto wird der Arbeitsplatz für die Arbeitnehmer attraktiv.

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Prognose: Wird New Work in der Zukunft mehr Bedeutung haben?

Guido hat festgestellt, dass die Offenheit der Unternehmen für neue Arbeitskonzepte in den vergangenen fünf Jahren bereits zugenommen hat. Er glaubt, dass die Unternehmen früher oder später nicht umhin kommen werden, Flexibilitätsmodelle in ihre Personalplanung aufzunehmen, damit New Work das produzierende Gewerbe verändert.

In den kommenden Jahren wird ein großer Teil der heutigen Belegschaft in den Ruhestand gehen. Aufgrund des Fachkräftemangels wird es für die Firmen immer schwieriger, geeignete Mitarbeiter zu finden. In einem schrumpfenden Arbeitsmarkt müssen die Unternehmen attraktiv sein, um ihre Mitarbeiter zu halten und die Belastung so gering wie möglich halten, damit ältere Mitarbeiter länger arbeiten können.

Im Zuge der Digitalisierung werden einige Berufe automatisiert werden. Das bedeutet, dass in den Fertigungshallen der Zukunft mehr hochqualifiziertes Personal benötigt wird, um die komplexen Systeme zu überwachen und die Prozesse stabil zu halten. Die Unternehmen müssen ihre Arbeitsbedingungen grundlegend verbessern, um hochqualifizierte Mitarbeiter davon zu überzeugen, einen Job im Schichtbetrieb anzunehmen, wenn sie auch in anderen Branchen arbeiten könnten.

Wenn Unternehmen weiterhin in Deutschland produzieren wollen und auch Leute für Schichtarbeit begeistern wollen, dann werden die keine Alternative haben, als sich diesen Themen zu öffnen, neue Wege zu gehen und anders zu denken.

Guido Zandergeschäftsführender Partner SSZ-Beratung

 

Zusammenfassung

Die Einführung von New Work Prinzipien in der Industrie birgt ein großes Potenzial. New Work verändert das produzierende Gewerbe, das ist sicher. Allerdings bringt die Umstellung eines kompletten Produktionsbetriebes auch einige Herausforderungen mit sich. Seit Jahrzehnten ist die Fertigung auf einen optimalen Materialfluss ausgerichtet, ohne auf die Bedürfnisse der Menschen Rücksicht zu nehmen. Eine nachträgliche Umstellung dieser Produktionsketten ist nicht immer möglich. Umso wichtiger ist es, dass die Firmen bei der Errichtung neuer Produktionsstätten und Fabrikhallen die Prinzipien von New Work berücksichtigen und von Anfang an in ihre Planung einbeziehen.

Die frühzeitige Integration von flexiblen Arbeitsmodellen in die Produktionsabläufe wird sich in Zukunft auszahlen. In einer Zeit, in der die Zahl der Arbeitskräfte zurückgeht, müssen sich Arbeitgeber attraktiv machen, um die raren Fachkräfte zu halten. Dazu muss ein nachhaltiger Veränderungsprozess stattfinden, bei dem die Unternehmen auf die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter eingehen – so wie es sich Frithjof Bergmann für die Menschheit gewünscht hat.

 

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Verfasst von Sianca Maria Gentner

Mit dem Fokus auf Experteninterviews und News aus der HR-Welt liefert Sianca interessante Einblicke in die Kooperationsarbeit von Papershift.