Den Fachkräftemangel in Bau- und Gesundheitsbranche richtig anpacken

Im Baugewerbe und im Gesundheitswesen gibt es immer mehr offene Stellen. Die Gründe für diesen Fachkräftemangel und welche Maßnahmen Politik und Unternehmen dagegen ergreifen können, haben wir in diesem Artikel für Sie zusammengefasst.
  • Autor: Niklas Perius
  • Letzte Aktualisierung: September 15, 2022
  • 8 Minuten
Fachkräftemangel in der Bau- und Gesundheitsbranche

© Vittaya_25 / Adobe Stock

Den Fachkräftemangel in Bau- und Gesundheitsbranche richtig anpacken

Die geburtenstarken Jahrgänge gehen nach und nach in Rente und hinterlassen einen spürbaren Fachkräfteengpass. Offene Stellen bleiben insbesondere im Baugewerbe und im Gesundheitswesen immer länger unbesetzt. Es wird höchste Zeit, dass Politik und Unternehmen im Kampf gegen den Fachkräftemangel in Bau- und Gesundheitsbranche aktiv werden.

Mangel an Fachkräften im Bau

Die Firmen der Bauwirtschaft suchen händeringend nach Arbeitskräften. Die vollen Auftragsbücher lassen sich mit fehlenden Fachkräften nicht bewältigen. Obwohl der Umsatz im Bauhauptgewerbe laut Angaben des Statistischen Bundesamtes im ersten Quartal 2022 im Vergleich zum vergangenen Jahr um 26 Prozent gestiegen ist, können die Arbeitgeber keine Fachkräfte gewinnen. Die Bauwirtschaft kommt aufgrund des Engpasses an Fachkräften kaum mit der Erfüllung der Aufträge hinterher.

Speziell im Hochbau findet laut Berechnungen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung mehr als ein Drittel der Betriebe nicht ausreichend Personal. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt, dass die Bauwirtschaft im ersten Quartal 2022 bundesweit 191.000 offene Stellen meldete. Gegenüber dem Jahr 2010 hat sich die Zahl nahezu vervierfacht. Auch die Bundesagentur für Arbeit hat die Probleme der Bauwirtschaft erkannt und stuft Berufsgruppen aus dem Bau und der Pflege in ihrer Engpassanalyse als besonders kritisch ein.

Aufgrund der Coronakrise sind viele Facharbeiter im Baugewerbe mit Kurzarbeit und Personalabbau konfrontiert. Zugleich wird auf vielen Baustellen ungeachtet der Pandemie weitergearbeitet. Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) sieht den Fehler vor allem bei den Arbeitgebern. Laut IG Bau sei es in den letzten Jahren vielen Betrieben trotz beständig steigender Gewinne und einer hohen Zahl an Aufträgen nicht gelungen, die Attraktivität der Arbeitsplätze zu erhöhen.

Für die Bauwirtschaft ist der Fachkräftemangel ein hohes Geschäftsrisiko. Auch für die Politik kann der Engpass zum Problem werden, wenn die angestrebten Klimaziele durch ausbleibende Modernisierungen von Gebäuden gefährdet werden.

Fehlende Fachkräfte im Gesundheitswesen

Bereits jetzt müssen Krankenhäuser aufgrund von Personalmangels Stationen schließen oder Patienten abweisen. Der Pflegenotstand führt dazu, dass Patienten nicht ausreichend versorgt werden können. Derzeit liegt der Personalmangel bei etwa sieben Prozent. Es werden dringend neue Auszubildende und qualifizierte Fachkräfte benötigt, insbesondere in der Alten- und Krankenpflege. Es ist zu erwarten, dass sich das Problem in den kommenden Jahren weiter verschärft. Eine Studie von PwC prognostiziert, dass bis 2035 nahezu 1,8 Millionen freie Stellen in der Branche nicht besetzt werden können.

Acht Gründe für den Fachkräftemangel

Neben der demografischen Entwicklung hängt der akute Bedarf an Fachkräften auch mit den unterschiedlichen Vergütungs- und Beschäftigungsbedingungen in den verschiedenen Branchen zusammen. Hinzu kommen Probleme mit dem Image und Geschlechterstereotypen, die den Fachkräftemangel verstärken.

Alternde Arbeitswelt

Laut einer vom Arbeitsministerium in Auftrag gegebenen Studie für den Zeitraum 2022 bis 2026 wird der Hauptgrund für den Fachkräftemangel die zunehmende Alterung der Gesellschaft sein. Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass die Anzahl der Erwerbstätigen ab 2025 stetig sinken wird. Bereits 2008 waren mehr als 33 Prozent der Beschäftigten und Selbstständigen in der Bauwirtschaft mindestens 50 Jahre alt. Fast eine Million Beschäftigte mussten seitdem durch jüngere Arbeitnehmer ersetzt werden.

Hohe Belastung

Die Bauwirtschaft und das Gesundheitswesen sind von einer hohen körperlichen Belastung geprägt. Häufig können Mitarbeiter auf dem Bau ihre Arbeit gesundheitsbedingt nicht bis zum offiziellen Renteneintritt ausüben und scheiden bereits früher aus dem Arbeitsmarkt aus.

Im Gesundheitswesen kommt zu den körperlichen Anstrengungen auch die psychische Belastung hinzu. Zahlreiche potenzielle Pflegekräfte und Auszubildende fürchten sich vor allem vor der hohen psychischen Herausforderung, die eine Tätigkeit in der Pflege mit sich bringt.

Witterung und lange Fahrtwege

Neben der hohen Arbeitsbelastung wirken sich auch die ungünstigen Arbeitsbedingungen negativ auf die Beschäftigten aus. Auf dem Bau sind die Mitarbeiter der Witterung weitgehend ungeschützt ausgesetzt. Darüber hinaus sind oftmals längere Anfahrtswege zu den Baustellen erforderlich. Das tägliche Pendeln in dieser Branche kann zu vielen unbezahlten Fahrstunden führen. Laut der Gewerkschaft IG Bau verlassen im Schnitt die Hälfte der Fachkräfte in Deutschland innerhalb von fünf Jahren nach der Berufsausbildung die Baubranche und wechseln in andere Bereiche.

Streit um die Arbeitszeit

Für den Bundesverband der Deutschen Industrie ist die Einführung einer 42-Stunden-Woche ein mögliches Mittel, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Jedoch passt die Erhöhung der Arbeitszeit kaum mit dem Wettbewerb um Fachkräfte zusammen. Bei der Suche nach Arbeitskräften sollten die Betriebe mit ansprechenden Arbeitsbedingen werben. Dazu gehören insbesondere flexible Arbeitszeitmodelle.

Ausbleibender Nachwuchs

Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung blieben im letzten Ausbildungsjahr 60 Prozent der Ausbildungsplätze im Baugewerbe unbesetzt. Deutschlandweit fehlt es an Nachwuchskräften in allen Gewerken und das, obwohl die Bezahlung der Auszubildenden in der Baubranche vergleichsweise gut ist.

Imageproblem

Der Mangel an Nachwuchskräften in der Baubranche und im Gesundheitswesen hängt unter anderem mit dem geringen sozialen Ansehen von Handwerk und Pflege in Deutschland zusammen. Viele Eltern raten ihren Kindern davon ab, einen Handwerksberuf zu erlernen und empfehlen ihnen stattdessen zu einem Studium.

Geschlechterstereotype

Das Baugewerbe gilt klassischerweise als typische Männerdomäne. Pflegeberufe hingegen werden häufig von Frauen ausgeübt. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, dass Berufe mit ungleichen Geschlechterverhältnissen besonders vom Fachkräftemangel betroffen sind. Das Denken in Stereotypen ist für das Recruiting ein Problem. In Berufen mit ungleichen Geschlechterverhältnissen ist der Bewerberpool durch Geschlechterklischees massiv eingeschränkt.

Fehlende Wertschätzung

Mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Gesundheitssektor fordert mehr Achtung für ihren Beruf. Obwohl die systemrelevanten Berufe während der Coronakrise im Zentrum des öffentlichen Interesses standen, hat sich das Ansehen des Pflegeberufs nicht wesentlich verbessert. Die Zahlung eines angemessenen Gehalts wäre ein wichtiges Signal für mehr Wertschätzung dieser Berufsgruppen auch nach der Pandemie.

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Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel in der Bau- und Gesundheitsbranche

Damit sich der Fachkräftemangel nicht nachhaltig schädigend auf die deutsche Wirtschaft auswirkt, müssen sich die Bedingungen der Engpassberufe verändern.

Zuwanderung aus Ländern mit einer anderen Altersstruktur

Für Deutschland ist die Fachkräftezuwanderung bedeutsam, damit langfristig der Bedarf an Fachkräften im Bau und in der Pflege gesichert werden kann. Schon jetzt arbeiten immer mehr Migranten in Engpassberufen. Rund 1,9 Millionen von ihnen waren im Jahr 2020 als Fachkräfte beschäftigt.

Der überwiegende Teil der Zugewanderten setzt sich aus Personen aus dem europäischen Ausland zusammen. Viele europäische Länder haben jedoch eine ähnliche Altersstruktur wie Deutschland, mit entsprechend knappen Personalbeständen. In Zukunft wird daher die Zuwanderung aus Nicht-EU-Ländern für die Deckung des Fachkräftebedarfs wichtiger denn je.

Vereinfachung der Zuwanderung

Bereits im März 2020 wurden die rechtlichen Regelungen für die Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland durch das Fachkräfteeinwanderungsgesetz vereinfacht. Der Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt wurde damit für Menschen mit qualifizierter Berufsausbildung begünstigt. Allerdings sind die Hürden für die Zuwanderung weiterhin hoch. Intransparente Anerkennungsverfahren für ausländische Abschlüsse erschweren den Prozess. Abschlüsse von Nicht-Akademikern sowie Berufserfahrung sollten stärker wertgeschätzt werden. Die Bundesregierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag dazu verpflichtet, die Zuwanderung mithilfe einer Chancenkarte zu vereinfachen.

Verbesserung der Arbeitsbedingungen

Angesichts der angespannten Lage müssen Arbeitgeber ihre Stellenausschreibungen so attraktiv wie möglich gestalten. Mit einem modernen Bewerbermanagement können Unternehmen gezielt die richtigen Kandidaten ansprechen und ein positives Arbeitgeberimage aufbauen.

Attraktive Arbeitsplätze verbinden eine angemessene Entlohnung mit flexiblen Arbeitszeiten und wertorientierter Führung. Die Gewerkschaft IG Bau wirbt für die Anrechnung von Fahrzeiten als Arbeitszeit, um einen größeren Bewerberkreis zu gewinnen. Der Kampf um qualifizierte Nachwuchskräfte wird als War for Talents bezeichnet und wird den Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren stark prägen. Die Firmen müssen jetzt reagieren und Inhalte ihrer Stellenanzeigen anpassen.

Abschaffung von Geschlechterklischees

Es sollten insbesondere unterrepräsentierte Gruppen einbezogen werden, um eine größere Zahl an Bewerbungen zu erhalten. Klischees und Vorurteile müssen abgebaut werden, damit junge Menschen sich stärker an ihren Neigungen orientieren und diese mit der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt vergleichen. Dazu gehört auch das Aufbrechen von Geschlechterstereotypen in bestimmten Branchen. Im Rahmen eines gendergerechten Ansatzes und einer guten Vereinbarkeit von Beruf und Familie sollten alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen werden.

Umdenken in der Fachkräftesicherung

Die Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel in der Baubranche und dem Gesundheitswesen beziehen sich nicht nur auf die Rekrutierung neuer Fachkräfte, sondern auch auf die Sicherung der vorhandenen Belegschaft. Mit einem umfassenden Workforce Management können Arbeitgeber ihre Personaleinsatzplanung verbessern und ihre Mitarbeiter gezielt entsprechend ihrer Kompetenzen einsetzen. Die Belange der Arbeitnehmer sollten stets in die Unternehmensführung einbezogen werden, um einer Abwanderung von Mitarbeitern entgegenzuwirken.

Imagekampagnen und soziale Medien

Imagekampagnen können dazu beitragen, das Ansehen von Engpassberufen zu stärken. Mit Hilfe ansprechender Inhalte auf Social Media kann ein Austausch zwischen Auszubildenden und den einzelnen Branchen entstehen. Auch attraktive Messeauftritte können die Sichtbarkeit von Handwerk und Pflege stärken. Die duale Berufsbildung ist vor allem für die Baubranche besonders interessant und sollte gezielt beworben werden. Auf diese Weise kann eine hohe Zahl potenzieller Nachwuchskräfte frühzeitig für den Bau und die Pflege begeistert werden.

Fazit

Der Fachkräftemangel wird die deutsche Wirtschaft langfristig prägen. Nur wenn Politiker und Unternehmen gemeinsam an einem Strang ziehen, können die damit verbundenen negativen Auswirkungen gemindert werden. Die Bau- und Gesundheitsbranchen haben hervorragende Zukunftsaussichten für junge Menschen. Die Nachfrage nach handwerklichen und pflegerischen Dienstleistungen wird auf absehbare Zeit hoch bleiben. Im Bausektor sind die Verdienstmöglichkeiten hoch und es besteht die Möglichkeit, zur Selbstständigkeit zu kommen.

Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, um dem Fachkräftemangel in der Bau- und Gesundheitsbranche entgegenzuwirken. Dennoch kommt die alternde, deutsche Bevölkerung nicht umhin, Zuwanderer aus anderen Ländern aufzunehmen, um den Bedarf des Arbeitsmarktes vollständig zu decken.

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Verfasst von Niklas

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